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Ohne Titel, 1997, Fettkreide, Aquarell auf altem, beschriebenen Papier, 12 x 9,8 cm, Privatbesitz

Karl Bohrmann (1928-1998)

Das Zeichnen zeichnen
Collagen und Zeichnungen

 

15.Juni bis 26. August 2018

Eröffnung der Ausstellung, 15.Juni 2018, 20 Uhr

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Es spricht:

Dr. Uwe Haupenthal

Leiter des Richard Haizmann Museums, Niebüll

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag der Kunst.

Eindrücke aus der Ausstellung

Karl Bohrmann. Das Zeichnen zeichnen.

Collage und Zeichnungen. 1954-1998

 

Mit dem Ende des Krieges und der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur im

Jahre 1945 erlebte Deutschland den Wiederanschluss an die Kunst der Moderne. Gestalteten sich etwaige Widerstände im Westen als bloße Nachhutgefechte auf längst verlorenem Posten, so erwiesen sich die Bedingungen für die Kunst der Moderne im Osten schon nach wenigen Jahren als schwierig.

 

Im Westen dominierte in der ersten Nachkriegsdekade Willi Baumeister die Szene. Baumeister wie auch andere Künstler, die schon in der Weimarer Republik bekannt geworden waren entfalteten eine enorme Wirkung. Die erste. 1955 in Kassel gezeigte documenta machte nicht nur das breite Publikum mit der Kunst der Moderne bekannt, sondern sie bot auch entscheidende Orientierung für nachgeborene Kunststudenten und junge Künstler. Zu diesen gehörte auch der 1928 geborene Maler und Grafiker Karl Bohrmann. Er hatte zunächst die Kunstschule in Saarbrücken besucht und danach für kurze Zeit bei Baumeister studiert, wenngleich er den Arbeiten seines Lehrers eher fernstand und stattdessen seinen eigenen Weg suchte.

 

Bohrmann zeichnete, und er schuf Radierungen, vor allem Aktfiguren und Raumsituationen, Blieb das Abbildliche auch als zentrale Richtgröße erhalten, so suchte er zuvorderst nach einer sensitiv begründeten Durchdringung von Wirklichkeit. Eine solche Haltung verweigerte sich jedweder akademischen Haltung.

 

Bohrmann fand eine Welt, in der die Trennlinien zwischen Gesehenem und Gedachtem bzw. Gewusstem zwar nicht gänzlich aufgehoben, jedoch mit Blick auf die eigengesetzlichen Bedingungen des Bildes wie auf dessen Erscheinungsweise neuerlich austariert wurden. Das aber schloss die Erzählung von Geschichten oder gar die Illustration von fremden Inhalten aus. Im Gegenzug blieb die Modellsituation als reale Vorgabe wie als projektive Ausgangssituation erhalten. Der Zeichner setzte Linien, schuf optische Schwerpunkte, begegnete einer räumlichen Situation und erlebte diese nach eigener Aussage als etwas Fremdes und mehr noch: als etwas Überraschendes und, nach eigener Aussage, als befreiende Erfahrung und als Glücksmoment.

 

Zwanglos übernimmt der Betrachter die Position des Künstlers und spinnt dessen Sehweise fort, intensiviert sie, macht Entdeckungen, kreiert visuelle Bezüge, findet sich auf lustvolle Weise in der Welt wieder oder geht auf Distanz zu ihr. Es ist die Dynamik der Zeichnung und späterhin das verweilend-statische Moment der Collage, die eine souverän vorgetragene, weil lebendig anmutende Ebene zwischen Wirklichkeit und Betrachter, zwischen dem Gesehenen und Gewussten auf der einen Seite und dem Emotional-Ausgreifenden, Weltaneignenden beschreiben. Vor diesem Hintergrund schuf Bohrmann einen schier unerschöpflichen Kosmos und kam dennoch mit überraschend wenigen Bildmotiven aus.

 

Zwar schuf Bohrmann oft auch großformatige Gemälde und fotografische Arbeiten, wenngleich er im Besonderen zu einer Gruppe von Künstlern gehörte, die der Zeichnung zu neuem Ansehen verhalfen. indem sie ihren bloß dienenden Charakter inAbrede stellten und im Gegenzug ihren konzeptuell-emanzipatorischen Impetus hervorhoben.

 

Aus heutiger Perspektive erfuhr die Kunst in der zweiten Nachkriegsdekade einen neuerlichen. vielgestaltigen Ausdruck. Bohrmann hatte daran einen gewichtigen Anteil. Die Relation zwischen Gesehenem und den bildnerischen Mitteln wurde dynamisiert und in ein offenes, weithin unbekanntes Terrain überführt. In diesem aber findet die Sensibilität des Auges ebenso zu sich selbst wie sie sich im Gegenzug unverstellt und ohne Auflagen in einem als grenzenlos erfahrenen Raum verlieren kann. Das Innere wird zum Spiegel des Äußeren. Sehen und Atmen, die Bewegung der Hand und die durch sie erzielten transformierenden Erfahrungen haben den für die Klassische Moderne gültigen Wert der Form überwunden.

 

Karl Bohrmann lehrte zeitweise an der Frankfurter Städel-Schule, Er starb 1998.

 

Letze Änderung: 06. 07. 2018